St. Georg

Artikel für den LACHENDEN DRACHEN 1/2-2009 - mit freundlicher Genehmigung hier wiedergegeben -
Heuschrecken über St. Georg

Wir sind in St. Georg in Zeiten der Goldgräberstimmung ja vieles inzwischen gewohnt. Angesteckte Häuser und zusammen geschlagene MieterInnen waren bisher die „Höhepunkte“, die veranschaulichten, wie mit Kraft und Macht der Wandel des Viertels vorangetrieben wird. Jetzt zeichnet sich eine neue Dimension ab: Das Auftreten einer rüden Immobili en- und Verwaltungsfirma, angeblich der viertgrößten in der Welt. Die Rede ist vom Unternehmen „Savills Immobilien Management Hamburg GmbH“ mit Sitz in der Wendenstraße 29 und etlichen Niederlassungen rund um den ganzen Globus. In St. Georg hat dieses feine Unternehmen in den vergangenen Jahren schon eine Reihe von Hausmanagements übernommen, u.a. auch 2008 die Verwaltung der Grundstücke der Familie Kertscher in der Knorrestraße 5 – 7 und 9.

Kaum Glaubliches geschah Ende Januar den MieterInnen des alten Merckstifts in der Knorrestraße 9. Per Boten bekamen sie eine vom 28. Januar 2009 datierte Kündigung ihrer Mietverträge in die Briefkästen verteilt. Originalton im Schreiben: „Wie Sie vielleicht in der Zeitung gelesen haben, ist das Grundstück verkauft worden. Der neue Eigentümer plant den Bau von Wohnungen und wird die Räumlichkeiten, in denen sich Ihr gemietetes Zimmer Zimmer befindet, abreißen lassen. Mit Bedauern müssen wir daher Ihre Mietung vertragsgemäß kündigen zum 28. Februar 2009.“ Vier Wochen Kündigungsfrist? Holla, was ist denn das für eine Bagage?

Rund 25 Menschen wohnen in dem betreffenden Gebäude, überwiegend junge StudentInnen, denen angesichts dieser mehr als kurzfristigen und höchst dubios begründeten Kündigungen gar nicht wohl ist. Schon in letzter Zeit kam die Hausverwaltung notwendigen Reparaturen nicht mehr nach, von „vier Duschen im gemeinschaftlichen Männer-Waschraum“, so ein Bewohner, „funktionieren zur Zeit nur anderthalb“. Die völlig unzumutbare Kurzfristigkeit der Kündigung wird offenbar damit begründet, dass es sich um ein „Studentenwohnheim“ handelt, das laut Gesetz kürzere Kündigungsfristen zulässt. Nur wusste bisher niemand, dass es als solches deklariert wird. Natürlich handelt es sich um kein anerkanntes Studentenwohnheim, sonst könnte ja jeder Vermieter daher kommen, sein Haus als Studentenwohnheim bezeichnen und schon die üblicherweise mindestens dreimonatigen Kündigungsfristen unterlaufen. Tatsächlich wohnen in dem Gebäude vereinzelt auch Menschen schon mehr als fünf Jahre, d.h., dass ihre ges
etzliche Kündigungsfrist sogar ein halbes Jahr umfassen sollte.

Aber das ist ja nur ein Skandal, da schwingen noch ganz andere Dinge mit. Grundsätzlich geht es um die Vermarktung des ehemaligen Kertscher-Grundstücks zwischen der Langen Reihe und der Knorrestraße. „1000 Töpfe“ hat seinen Betrieb gerade eingestellt. Kertscher hätte ihn, so haben es einige MitarbeiterInnen noch in den letzten Tagen unterstrichen, gerne weitergeführt. Aber der von den Behörden ausgeübte Druck in den letzten Jahren sei so hoch gewesen, dass er nun verkauft habe. An wen, ist bis heute unklar. „Savills“ hat die Kündigung laut völlig unzureichender Erklärung immer noch als Bevollmächtigte der Familie Kertscher ausgesprochen.

Doch weiter. Im Spätherbst berichtete die Presse, 1000 Töpfe würde schließen und stattdessen ein sechs- bis siebengeschossiger Neubau mit 100 (Eigentums-) Wohnungen samt Tiefgarage und im Erdgeschoss eine Ladenzeile („Edeka“ scheint im Gespräch zu sein) entstehen. Daraufhin stellten Einwohnervereinsvertreter im Stadtteilbeirat die Frage, was denn da los und geplant sei. Michael Mathe vom bezirklichen Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung meinte dazu, man solle doch nicht jeder Pressemeldung aufsitzen. Skepsis machte sich breit, war doch schon damals von einem Bauvorbescheid die Rede. Noch auf der letzten Stadteilbeiratssitzung am 27. Januar 2009 beschwor der bezirkliche Sanierungsbeauftragte Erwin Jochem wörtlich, „es liegt weder ein Bauvorbescheid=2
0noch ein Bauprüfauftrag“ vor. Durch einen Anruf bei Frau Milbradt von der Bauprüfabteilung erfuhr ein verunsicherter Bewohner der Knorrestraße 9 aber schon am 26. Januar, dass sehr wohl ein Bauvorbescheid vorläge. Was also ist wirklich Sache? Was ist geplant? Was ist da womöglich schon ausgehandelt worden? Und warum erfahren wir davon im Stadtteilbeirat nichts?

Aber noch weiter. BewohnerInnen des Hauses Knorrestraße 9 berichteten, dass in letzter Zeit Herren dabei beobachtet wurden, wie sie taxierend im und um das Haus herumgestromert seien, nach dem Prinzip, „das kommt weg und das und das“. Wie aber ist das damit zu vereinbaren, dass auf bezirklicher Ebene angeblich noch gar nichts klar sei? Wie ist es zu bewerten, dass es sich doch offenbar beim Merckstift um ein erhaltungswürdiges Objekt handelt?

Die kurze Geschichte des Merckstifts in der Knorrestraße 9

Der Backsteinrohbau ist 1894 vom bekannten Hamburger Architekten Julius Faulwasser entworfen und errichtet worden. Auftraggeberin war Mary Sieveking (geb. Merck), die als Vorsteherin der Amalie-Sieveking-Stiftung 1889 bis 1897 eng mit St. Georg verbunden war und das Haus der Stiftung 1899 übereignete. Das Gebäude erlitt 1943 im Dachstuhlbereich Bombenschäden, wurde erst 1963 wiederhergestellt und aufgestockt und 1980 schließlich – zur Erlangung von Mitteln für einen Stiftsneubau – an Herrn Kertscher sen. verkauft. Der neue Eigentümer machte daraus ein Wohnhaus mit rund 30 Zimmern und verschie
denen Gemeinschaftseinrichtungen im Keller. Im Herbst soll das gesamte „Filetgrundstück“ (zu dem auch „1000 Töpfe“ gehört) laut „Abendblatt“ vom 6./7. Dezember 2008 von der Erbengemeinschaft Kertscher an ein nicht benanntes Hamburger Bauunternehmen verkauft worden sein. Gerüchteküchenmäßig tauchte schon mal der Name „HochTief“ auf.

Wes Geistes Kind die international agierende Firma „Savills“ ist, zeigt sich u.a. in einer Eintragung auf der Homepage des Deutschen Mieterbundes. Da liest man, das Savills es ablehnt, „auf Schreiben des Vereins zu antworten. Stattdessen schreiben sie an die vom Mieterverein vertretenen Mieter und regen an, dass diese sich an einen Rechtsanwalt oder einen anderen Mieterverein wenden“ sollten.

Das Vorgehen von Savills ist jedenfalls völlig inakzeptabel. Solcherart Machenschaften erfordern die Solidarität des gesamten Stadtteils. Es kann nicht angehen, dass ein womöglich denkmalwertes Gebäude mir nichts dir nichts und mit rüden Methoden entmietet wird und offenbar abgerissen werden soll. Damit würden ein weiteres Mal günstige Wohnungen (das Zimmer für 150 Euro) vernichtet werden. Doch auch dem Bezirk stellen wir einige Fragen. Welchen Druck hat er auf die Kertscher-Erbengemeinschaft ausgeübt? Mit welchem Ziel? Was war dort seit wann bekannt? Warum sind die Stadtteilgremien nicht informiert worden? Da werden wir nicht locker lassen! Und den verbliebenen rund zwei Dutzend MieterInnen erklä
ren wir unsere größtmögliche Unterstützung in ihrem Ringen um Wohnraum und vernünftige Behandlung!

Die Schilderung der Geschehnisse aus der Sicht des Bewohners der Knorrestraße 9, Berthold Iserath:

Am Freitag, dem 30. Januar 2009, wurden abends – per Bote – den BewohnerInnen des Gebäudes in der Knorrestraße 9 die Kündigungen der Mietverträge mit Wirkung zum 28. Februar 2009 zugestellt, d.h. in die Briefkasten geworfen. Als Grund für die Kündigung wird die Planung des Baus von W ohnungen und der damit verbundene Abriss des als „Studentenwohnheim“ deklarierten Wohnhauses vorgeschoben.
Nach Rücksprache mit der Bauprüfabteilung des Bezirks Mitte vom 26. Januar 2009 gibt es derzeit nur einen Bau-Vorbescheid; es würde bisher kein Bauantrag vorliegen, geschweige denn ein Bebauungsplan beschlossen worden sein. Das Haus würde – da alt – als erhaltenswertes Gebäude eingestuft werden und dürfe, so die Sachbearbeiterin, nicht abgerissen werden.
Selbst eine Rücksprache mit der Hausverwaltung „Savills Immobilien“ am gleichen Tag half nicht weiter, da man nichts wüßte, weder ob
das Gebäude verkauft wäre noch was in absehbarer Zukunft damit
geschehen solle – viel Geheimniskrämerei also. Jetzt, nur vier Tage später, wirft man uns – per Boten – die Kündigungen für alle Mieter ein! Und das Schreiben ist auch noch rückdatiert vom 28. Januar 2009!
Der angebliche Sta
tus als anerkanntes Studentenwohnheim – bekannt auch als Merkstift – ist unklar, jedenfalls durch nichts zu belegen. Tatsächlich hat im Laufe der Jahre eine Vielzahl von StudentInnen unterschiedlichster Nationalität hier gewohnt, da die Zimmer für hiesige Verhältnisse sehr günstig sind. Im Haus gibt es nur Toiletten auf den Fluren, eine Gemeinschaftsküche und Duschgelegenheiten für Männer und Frauen sowie eine gemeinschaftlich
nutzbare Waschmaschine – alles im Keller.
Wieder soll ein Stück historisches St. Georg verloren gehen, erneut sollen Luxuswohnungen oder edelsanierte Altbauten die Gentrifizierung des Stadtteils weiter voran- und die „normalen“ BürgerInnen wegtreiben…

Berthold Iserath, am 1. Februar 2009